Bürgerbus fährt leer?

Verkehrsplaner Dr. Ralf Günzel im Wirtschaftsausschuss des Kreistages Havelland

Verkehrsplaner Dr. Ralf Günzel im Wirtschaftsausschuss des Kreistages Havelland

Im Wirtschaftsausschuss des Kreistages überraschte Verkehrsplaner Dr. Ralf Günzel heute mit der Analyse, dass der BürgerBusBrieselang (BBB) die schlechteste Auslastung des öffentlichen Personennahverkehrs im Kreis haben soll. Weniger als ein Fahrgast je gefahrenen Kilometer weise die Statistik aus. Dabei konnte der BürgerBus-Verein jüngst den 25.000 Fahrgast seit Ende 2007 begrüßen. Die eigene Statistik belegt eine Auslastung von nahezu 50 Prozent. Das ist Spitze im Land Brandenburg! Für Brieselang hat sich das BBB-Angebot bewährt und wird insbesondere von nichtmotorisierten Bürgern geschätzt. Der Verein hat sich zu einer verschworenen Gemeinschaft entwickelt. Das Nahverkehrsangebot mit dem BürgerBus ist zuverlässig und die Nutzerdaten steigen.

Statistik BürgerBus 2008-2011 (links 2008, 2009 und 2010 als Jahre, ab 2011 monatlich, rechts 2011 im Jahresdurchschnitt)

Statistik BürgerBus 2008-2011 (links 2008, 2009 und 2010 als Jahre, ab 2011 monatlich, rechts 2011 im Jahresdurchschnitt)

Richtig ist aber auch: Die große Runde über die Ortsteile Zeestow und Bredow frisst viele Kilometer und bringt wegen der wenigen Haltestellen und Fahrgäste auf dem „flachen Land“ für die Statistik „Fahrgast per Kilometer“ Verlust. Aber insgesamt kostet der Bürgerbus im Jahr lediglich 16.000 Euro. Für diesen Preis gibt es kein anderes öffentliches Verkehrsmittel!

Gut, dass der Planer nicht die Einstellung des BBB forderte. Nein, er begrüßte das ehrenamtliche Angebot, obwohl er generell alle Angebote mit weniger als 3 Fahrgästen je Kilometer auf den Prüfstand stellen will. Zum Vorschlag der CDU-Fraktion, den BürgerBus in ein reguläres Angebot zu überführen, sagte er ausdrücklich Ja. Dafür müssten aber Streckenanpassungen erfolgen. Was das im konkreten Falle bedeutet, ließ Günzel zunächst offen.

Weitgehend ohne Aussage bleiben auch die Bahnen, weil der Schienenpersonennahverkehr kein originäres Thema der Kreise ist. Nur über den Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) ist der Landkreis an die Bahnplanungen angebunden, müsste sich mit eigenen Forderungen dort aber gegen Berlins Bezirke und alle anderen Brandenburger Landkreise durchsetzen. Nun hatte die CDU-Fraktion bereits im Vorfeld erklärt, den Verzicht auf den S-Bahn-Ausbau nach Falkensee auch im neuen Nahverkehrsplan verankern zu wollen. Dr. Günzel riet davon ab und empfahl explizit eine positive Aussage zum S-Bahn-Anschluss. Denn das Land habe nach seinen Worten erklärt, den Ausbau nicht unterstützen zu wollen, „wenn sich die betreffenden Kommunen nicht uneingeschränkt zum jeweiligen Projekt bekennen“. Der Kreis dürfe sich nicht uneingeschränkt bekennen, erwiderte ich für die CDU-Fraktion. Denn nach dem Verkehrsgutachten des Landes habe ein solcher S-Bahn-Lückenschluss nur für Berlin Vorteile, schon ab Seegefeld ist der Nutzen nicht mehr positiv. Längere Fahrtzeiten und der Wegfall der Regionalbahn – die ab Dezember noch schneller fährt und bald auch bequemere Wagen bietet – sprechen gegen die S-Bahn. Die Grünen stimmten in die Kritik ein.

Der Nahverkehr des Kreises ist meist auch Schülerverkehr. Hier ergeben sich erhebliche Einsparpotentiale. Würden nicht alle Schulen zur gleichen Zeit den Unterricht beginnen, sondern ihre regulären Anfangszeiten zwischen 7:30 Uhr und 8:15 Uhr nach Absprache auffächern, würden 17 Busse weniger gebraucht. Damit könnte der Kreis pro Jahr eine halbe Million Euro an Kosten einsparen, die gut und gern für andere Schulprojekte eingesetzt werden könnten. Leider haben sich bei ersten Gesprächen viele Schulkonferenzen und auch Eltern gegen eine Verschiebung von bekannten Schulanfangs- und -endzeiten ausgesprochen. Das Thema ist aber noch nicht aufgegeben.

Der Bericht – insgesamt mehr als 50 PowerPoint-Folien lang – umfasst viel Statistik. So war zu erfahren, dass die Verknüpfungen vom Bus zur Bahn in Brieselang 92 Prozent betragen, bei der Bus-Bus-Relation immerhin 37 Prozent. Das heißt wohl, dass für 92 Prozent der am Brieselanger Bahnhof ankommenden Busse eine baldmögliche Weiterfahrt mit der Bahn möglich ist. Ich staune. Entweder habe ich es in der Fülle der Daten (noch) nicht gesehen oder es gab diese Auskunft nicht: Wie viele Bahnen haben Busanschluss?

Der neue Nahverkehrsplan wird eine höhere Selbstbindung ausweisen. Das Niveau für Bedienungen mit öffentlichen Busleistungen steigt – auf dem Papier. Der Kreis ist für den Busverkehr zuständig. Wo heute wie in Falkensee / Dallgow-Döberitz oder Rathenow Bustakte von 30 Minuten realisiert sind, obwohl der noch aktive Nahverkehrsplan 60 Minuten vorsieht, erfolgt eine Anpassung. Wo heute Dörfer im Westhavelland 6 Mal täglich angefahren werden, soll der Plan auch 6 Mal Bedienung ausweisen. Bislang gelten oft „3 – 6 Fahrten“ je Tag. Damit verbessert sich zwar in der Praxis nichts. Es macht aber keinen Sinn, sich schlechtzureden. Es wird die Realität nachgezeichnet.

Für gewünschte Angebotsverbesserungen – z. B. in Abendstunden in den Städten – sollen aber die Kommunen mit ins Boot geholt werden, empfahl der Verkehrsplaner. Das Grundangebot würde weiter der Kreis vorhalten. Werden Mehrleistungen gewünscht, sollen die Städte und Gemeinden zu 50 Prozent Defizite mitfinanzieren. Dies wäre auch eine Lösung für „sture“ Schulkonferenzen. Lässt sich keine Angebotsoptimierung durch veränderte Schulzeiten erreichen (weil vor Ort Widerstand herrscht – siehe oben), könnten die Kommunen als Schulträger in die Kostenverantwortung genommen werden. Dies war der Vorschlag des Planers. Der Kreistag wird diese Empfehlungen dezidiert erörtern.

Vorbereitet hatte Verkehrsplaner Dr. Günzel insgesamt 53 PowerPoint-Folien. Bei der vorausgegangenen Präsentation im Dezernentenkreis hatte die Vorstellung der Datenbasis 3,5 Stunden benötigt. Im Ausschuss wurde er zur Eile gedrängt. Aber in den nächsten Tagen soll die Präsentation per Mail verschickt und im Ratsinformationssystem eingestellt werden.

Es handelt sich um einen Zwischenbericht. Dieser wird durch die Verwaltung mit den umliegenden Kreisen und Berlin abgestimmt. Doch vor dem Jahresende soll der neue Nahverkehrsplan ausdiskutiert, abgestimmt und beschlossen sein.

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