Wärmeasyl im Rathaus

Diesen 2. Dezember 2010 werden wohl die meisten Pendler nicht vegessen. Wenn einer eine Reise tut …

Seit mehr als zehn Jahren bin ich jetzt mit der Regionalbahn unterwegs. Da erlebt man ja einiges: Strenge Kälte und atemraubende Hitze, verstärkt durch in der Sonne stehende Waggons, bei denen sich die Fenster nur wenige Spaltbreit öffnen lassen. Man hat Verspätungen erlebt und Türen, die nicht öffnen; Züge, die ausfallen, und Bremsen, die anfangen zu qualmen, dass man denkt, der Zug brennt. Im Winter 2008 dachte ich schon, ich hätte die Spitze erlebt: eisig kalt und Streik. Der Ersatz-Not-Fahrplan sagt, die RB wird gestrichen, der RE hält dafür in Brieselang. Man friert am Bahnsteig. Der Zug kommt, hält aber nicht, so dass eine Stunde weiter frieren angesagt ist.

Doch heute hat die Bahn alles in den Schatten gestellt! In der Nacht hatte es heftig geschneit, was seit Tagen die Meteorologen angekündigt hatten. Die Temperaturen waren auf – 8 Grad Celsius gesunken, die Schneehöhe betrug etwa 10 Zentimeter.

Mit etwa 80 bis 120 anderen Pendlern habe ich morgens auf die 7:59 Uhr-Bahn von Brieselang gewartet. Es war etwas voller als sonst, weil die 7:25 Uhr-Bahn bereits ausfiel. Nach dem wunderbaren Internet-Fahrplan sollte der Zug pünktlich sein, auch wenn für die Gegenrichtung schon seit 7 Uhr Störungen angezeigt waren. Doch wenn kein Zug nach Nauen fährt, kann von Nauen auch keiner zurück kommen! Erst zur Abfahrtszeit wurde also durchgesagt, dass kein Zug fahren wird, just in dem Moment, als ein Güterzug quitschend vorbei drängte. So entstand die erste Verunsicherung, weil jeder einen anderen Fetzen aufgefangen hatte. Erstes Ziel: Raus aus der Kälte. Doch wie kommt man zu einem fahren Zug? Denn Ziel 2 bleibt die Arbeitsstelle in Berlin.

Kollege Müller bietet eine Mitfahrgelegenheit für Michael Koch, Daniela Strümpler und mich an. Nach Falkensee? Fährt der Regionalexpress? Die Zeit ist zu knapp. Am besten also nach Wustermark, weg von der Nauener Strecke.

Ein Tag später erfahre ich beim Erzählen, dass der RE um 9:15 Uhr sogar in Brieselang gehalten hat. Dabei habem ich vom Auto aus die Auskunft angerufen, die nichts wusste, keine Alternativen anbot und nur wiederholte, dass es für Stunden keinen Bahnverkehr geben wird (Nachtrag vom 3. Dezember, 9:36 Uhr). Da weiß leider die rechte Hand nicht, was die Linke tut. Die Kunden werden allein gelassen, die spekulieren müssen, ob die vor Ort tätigen die richtige Entscheidung treffen werden. Wer gewartet hatte, hat Glück gehabt. Danke an das mitdenkende Bahnpersonal im RE 4.

Nach einer halben Stunde Frieren: Kurz vor Elf, die weitere Wartezeit wird rund 25 Minuten betragen (Handyfoto)

Nach einer halben Stunde Frieren: Kurz vor Elf, die weitere Wartezeit wird rund 25 Minuten betragen (Handyfoto)

Hätte man „frei“ gehabt, wäre der Weg über verschneite Landschaft sicher schön gewesen. Doch am Ende steht Frust: In Wustermark angekommen, wird der Regionalexpress aus Rathenow mit 70 Minuten Verspätung ausgerufen. Bleibt nur: Zurück nach Brieselang. Der Sitzungsdienst der Verwaltung gewährt uns Asyl. Doch leider kommt nur ein Zug aus Berlin durch (mit 50 Minuten Verspätung) und der hält sich auf der Rückfahrt nicht an den Fahrplan. Faktisch sehen wir die Rücklichter. Was wir nicht wissen: für eine weitere Stunde war es das schon wieder. Mit leichten Erfrierungen kommen wir erst 12:10 Uhr in Berlin-Mitte an. Das macht 450 Prozent Fahrzeit eines normalen Tages!

Eine Weiterfahrt in der S-Bahn schließt sich an. Dort gibt es keine Heizung. Es zieht kühl von oben. Ist da ein Fenster auf? Man sieht nichts. Als es in der S-Bahn noch zu schneien anfängt wird klar, dass das Wetter von draußen ungehindert durch die Lüftung eindringt. Na, prima.

Andere Kollegen haben es ganz aufgegeben und sagen alle Termine ab. Wer aufs Auto umgestiegen ist, meckerte über gefühlte 3 Kilometer Durchschnittstempo. Auch nicht besser.

Leider hat sich das Chaos den ganzen Tag nicht aufgelöst. Abends sitze ich im ständig offenen Wartesaal auf dem Bahnsteig in Spandau und muss schon wieder 40 Minuten geduldig sein. Der Zugbegleiter der dann endlich fahrenden Regionalbahn entschuldigt sich wortreich für die 10 Minuten Verspätung. Na, Klasse! Und für morgen sind minus 20 Grad vorausgesagt (was dann zum Glück sich nicht bewahrheitet, Nachtrag vom 3. Dezember, 9:36 Uhr).

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