Schweinealarm in der Birkenallee

Ich hätte ja nicht gedacht, dass ich einmal dankbar sein könnte für Autofahrer auf der Jagd nach dem Brieselanger Licht. Jenes Licht mag man als eine Erfindung der örtlichen Gastronomen abtun. Es wäre ein guter Marketing-Gag, denn fast allabendlich gibt es sie, jene meist jugendlichen Brandenburger und Berliner, die sich auf die Suche nach dem Licht oder dem „Brieselanger Leuchter“ machen. Wenn die Gläubigen allerdings in den Wald ziehen, sind die Kneipen zu. Sie heißen folglich auch „Erster Siedler“, „Gasthaus“ aber nicht „Zum Leuchter“. Das touristische Potenzial scheint noch nicht erkannt, dabei hatte ich schon 2002 in einem Artikel im „Brieselanger Kurier“ angeregt, Kassenhäuschen aufzustellen und Eintritt zu kassieren …

Tatsächlich gibt es eine kleine Internetcommunity, die schwört das Licht gesehen zu haben. Ich weiß nicht, wie viele Jugendliche ich schon kommen und wieder (erfolglos) gehen sehen habe. Sie parken meist direkt vor dem Haus. Manche „Gäste“ krakelen, viele sind harmlos. Einige fahren auch in den Wald, obwohl dies verboten ist, was allgemein bekannt sein dürfte. Die abgebrochene Schranke ist ja auch keine Hürde. Manchmal werde ich auch nachts halb zwei aus dem Bett geklingelt und nach dem Weg gefragt. Oder nach einem Telefon, weil sich jemand im Moder festgefahren oder gar sein Auto an einen Baum gesetzt hat. Ja, wer nach dem Licht sucht, muss die Scheinwerfer ausmachen, sonst sieht er ja nichts …

Müll im Brieselanger Wald

Müll im Brieselanger Wald: Autotür

Bei vielen hat der Alkohol offenbar schon einiges dazu beigetragen, dass sie das Licht zu erkennen glauben. Schlimm, wenn diese trunkenen Gruppen später die öffentlichen Straßen bevölkern. Der Wald nimmt es hin. Als Überbleibsel nächtlichen Besuchs kann man Zigarettenschachteln, McDonalds-Futtertüten, Glasflaschen billigen Fusels oder ganze Autoteile zählen. Nehmt doch wenigstens Euren Müll wieder mit!

Wie können sich diese Horden meinen Dank verdienen? Heute Abend gegen halb zehn bin ich zu meiner letzten Gassi-Runde los. Im Wald tobten die „wilden Germanen“, denn Böllerschüsse oder Feuerwerk waren grad als Belustigung oder gegenseitiger „Mutbeweis“ angesagt. Ich war kaum 300 Meter weit die Birkenallee hinunter gegangen als zwei silberne Mercedes-Benz langsam aus dem Wald kamen und mich überholten. Ich hatte deshalb den Hund rangenommen. Der zweite Wagen hielt. Nicht jugendliche Draufgänger sondern seriöse Mitvierziger kuschelten sich in den Polstern. Naja, vielleicht entsprang die Neugier nach dem Licht wissenschaftlichem Interesse. Oder es waren endlich einmal Eltern, die wissen wollten, was ihr Nachwuchs so am Wochenende treibt, wenn er nicht zuhause ist. Während des kurzen Smalltalks zu Wissen über und (Dran)-Glauben an sowie Quellen für das Licht sagt der Mann plötzlich erschrocken: „Sieh mal da!“ Knapp 30 Meter vor uns steht eine Bache mit etwa fünf Frischlingen und zwei Halbwüchsigen. Vom Licht des Wagens geblendet trauen sie sich langsam über die Straße. Offenbar bekommen sie gar nicht mit, dass ich mit dem Hund neben dem Wagen stehe. Es folgen weitere mittelgroße Tiere. Sie nutzen die Überfahrt über den Graben zum Grundstück Nr. 46 von Bruni Oestreich. Dort drängen sie sich oben am Graben unmittelbar am Zaun entlang vorbei – möglichst weit weg vom Auto. Weitere Tiere folgen, drängen die vorderen weiter. Es ist eine große Rotte, die offenbar vor den zweibeinigen Schweinen im Wald und deren Radau Reißaus nehmen. Ich berichte, dass die Tiere öfters das Grundstück „bewohnen“, auf das sie gerade zusteuern. Die Frau am Steuer antwortet, dass sie solange stehen bleibe, bis die Tiere verschwunden sind. Es mögen wohl 30 Wildschweine gewesen sein von ganz klein bis ausgewachsen und mächtig.

Wenn es im Wald zu ungemütlich ist, finden sie den Weg in die Gemeinde. Das besagte Grundstück gegenüber von Frau Oestreich ist als leeres Grundstück immer schon Rückzugsort für Wildtiere. Auch das Nachbargrundstück Nr. 52 ff von Bruni Oestreich ist als Refugium inmitten der Wohnbebauung beliebt bei den Tieren: Gartenabfälle und schön wucherndes Gras geben Deckung und etwas abwechslungsreiches Futter. Ich denke, die Tiere wissen ganz genau, dass zwischen den Häusern nicht auf sie geschossen wird. Natürlich ist der Trieb, Kartoffeln oder Tomaten zu erbeuten auch dafür verantwortlich, dass sie den Wald verlassen. Meinem Nachbarn haben sie einmal Äpfel vom Baum gefressen. Seine Obstbäume sind nur etwa drei Meter hoch und die Äste bogen sich unter der Last der Früchte nach unten. Die großen Wildschweine stellten sich mit den Vorderhufen an den Stamm und ließen sich sogar die etwa ein Meter hoch hängenden Früchte schmecken.

Wildschweine in Nachbars Garten

Wildschweine in Nachbars Garten

Wenn jemand unvorsichtigerweise die Pforte zum Wald offen stehen lässt, verstehen die Schweine das gern als Einladung. So geschehen 2007, als dieses Bild entstand. Tagsüber standen die knapp ein Dutzend Halbwüchsigen plötzlich auf einem damals noch unbebauten Grundstück. In der Deckung der Hecke war die Rotte gut zu beobachten. Da musste ich einfach auf den Auslöser drücken.

Die Wildschweine sind immer da. Sie waren immer da und werden es wohl bleiben. Manche Nacht höre ich sie vor dem Einschlafen quieken. Die Tiere sind an Menschen gewöhnt. Doch sie haben Scheu. Zum Glück sind sie nicht aggressiv. Ab und zu hört man von Hunden, die unvorsichtigerweise die Verfolgung aufnehmen. Aber bei der Nähe des Menschen nehmen sie hier – soweit ich weiß – bisher lieber Reißaus. Hoffentlich bleibt das so. Denn was passieren könnte, wenn vom Alkohol deformierte Jugendliche auf Mutprobe plötzlich in eine Rotte geraten, die keinen Fluchtweg hat, möchte ich mir lieber nicht ausmalen.

Liebe „Leuchter“-Jäger: Kommt doch lieber tagsüber. Gerade dieses Jahr ist ideales Pilzwetter. Wenn ihr jetzt den Brieselanger Forst durchstreift, könnt ihr auch „suchen“ und Eure Jagdbeute nachweisbar mit nachhause nehmen und viel besser fotografieren, als ein Licht, das es ja doch nicht gibt. Jetzt am Ende des Sommers leuchtet abends auch schön das Licht der sinkenden Sonne in die Blätter. Der Brieselanger Wald hat aber zu jeder Jahreszeit bei Licht betrachtet etwas zu bieten: Annemone, Pilze, leuchtende Blätter …

Frühling im Brieselanger Wald

Frühling im Brieselanger Wald

Prächtiges Farbenspiel im Herbst

Prächtiges Farbenspiel

Das wahre Licht gibt es im Winter

Das wahre Licht gibt es im Winter

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Ein Gedanke zu „Schweinealarm in der Birkenallee

  1. Pingback: Über den Leuchter-Tourismus und Wildschweine | Der Brieselang Report

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