Der Reichstag bei Nacht: Interessante Licht-Szenarien

Ein Foto in der FAZ wunderte mich: Am Donnerstag druckte die FAZ einen Gastbeitrag von Kurt Biedenkopf „Zur Bundesversammlung 2010“. Bebildert war der lange Text mit einem farbigem Foto von Star-Media mit dem in Licht getauchten Reichstag bei Nacht.

Mal abgesehen davon, dass das Bild offenbar genau vier Jahre alt ist, wie man am margentafarbenen Fernsehturm am linken Bildrand erkennen kann (zur Fußball-WM in Deutschland 2006 warb die Telekom mit dem umgefärbten Wahrzeichen Berlins). Der schwarze Himmel „ärgerte“ mein fotografisches Auge. Wie kann man ein solches Bild drucken? Ja, der Reichstag ist richtig belichtet, doch die eintönigen schwarzen Streifen oben und unten sind weder hübsch noch fotografisch interessant. Was also rechtfertigt ein 5-spaltiges Bild mit tief schwarzem Himmel ohne Zeichnung?

Es wurde ganz offensichtlich ein nächtliches Bild ausgewählt, weil am Tages-Porträt des Gebäudes, in dem am 30. Juni tagsüber die nächste Bundespräsidentenwahl stattfindet, nichts Augenfälliges ist. Oder ist das Bild schon eine Vorwegnahme des tief düsteren Vorwurfs in dem Text? Wenn es um die bildliche Übersetzung für das Ende (düster = Prophezeihung) der Regierung Merkel gehen sollte, dann wäre das Kanzleramt besser geeignet.

Aber vielleicht sind die FAZ-Redakteure ja doch Propheten? Nicht die Regierung ist am Ende, sagt uns dieses Bild, sondern die Koalition (die besteht aus den Mehrheits-Fraktionen im Reichstag, deshalb übersetzt das Bild die Koalition in Farben: Schwarz steht für die Union, gelb für die FDP). Die Kanzlerin könnte sich einen neuen Koalitionspartner suchen und im Kanzleramt weiter regieren. Womöglich so wie zur Fußball-WM 2006 mit der SPD. Dann passte wieder das Bild von 2006.

Alles bleibt Spekulation: Ich jedenfalls fand das FAZ-Foto unpassend. Also Kamera geschnappt und die blaue Stunde abgewartet. Kurz nach halb 11 entstanden am Donnerstagabend die beiden Bilder, die ich hier gern präsentieren möchte.

FAZ-Vorlage vom 17. Juni 2010

FAZ-Vorlage vom 17. Juni 2010

Bild 1: Reichstag Ostfassade und Kuppel

Bild 1: Reichstag Ostfassade und Kuppel

Bild 2: Reichstag Westportal

Bild 2: Reichstag Westportal

Bild 1 zeigt die Ostfassade des Reichstagsgebäudes mit dem Ebert-Platz und den darin verlegten Lichtstreifen, rechts die Spree. Links läuft noch Verkehr auf der Scheidemannstraße, im Hintergrund blinkt der Funkturm an der Messe. Das Bild wurde am 17. Juni um 22:36 Uhr aufgenommen mit einer Brennweite von 18 mm, 20 Sekunden Dauerbelichtung bei Blende 13 und ISO 200. Bild 2 zeigt die Westfassade (fast wie im FAZ-Bildausschnitt) um 23:03 Uhr. Die Brennweite betrug 35 mm, bei Blende 8 und ISO 200 habe ich 30 Sekunden belichtet.

Gut, auch an meinen Bildern ist nicht alles perfekt. Die Fahnen z. B. hätten stärker wehen sollen. Dann muss ein Fotograf ggf. mehrere Nächte hintereinander auf den exakten Augenblick warten, wenn der Blauverlauf des Himmels stimmt und die Fahnen wehen. Die Belichtung im Bild 2 ist etwas zu hoch. Bei solchen Fotos wäre ein HDR-Bild am Ende wohl die beste Lösung. Dann wären die Zeichnung der Fassade und das große Fenster noch besser zur Geltung gekommen. Auch hier böte sich ein HDR-Bild an. Alternativ könnte man natürlich kürzer belichten. Dann wäre aber der Himmel zu dunkel oder gar ganz schwarz wie beim FAZ-Bild, was ich ja vermeiden wollte. Also eine Stunde früher kommen!

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